Was darf Medizin? Was soll sie dürfen?

Der „erste Arzt im Staate“ war zur Visite bei unserer Fraktion im Landtag NRW. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, diskutierte mit rund 70 Gästen und unserer gesundheitspolitischen Sprecherin Susanne Schneider die brisanten Fragen: Was darf Medizin? Und vor allem: Was soll sie dürfen?

Ein hochaktuelles Thema. Das belegen nicht nur die Berliner Gesetzesverabschiedungen zur Palliativmedizin und Sterbehilfe der vergangenen Woche. Die Spannung der aktuellen Debatte zeigte sich auch in Montgomerys Vortrag und der anschließenden Diskussion. Dabei setzte sich der langjährige Vorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende des Marburger Bundes für mehr Unabhängigkeit der Ärzte von der Wirtschaft ein: „Patienten sind keine Kunden und Ärzte keine Dienstleister. Für einen Arzt muss die Moral immer an erster Stelle stehen.“

Schnell ging es in der Diskussion dann natürlich auch um das Thema Sterbehilfe. Montgomery begrüßte das neue Gesetz. Sein Argument: „Ärzte müssen Heilende und Helfende bleiben. Sie dürfen keine Tötenden sein.“ Eine Position, die angesichts des Aspekts der Selbstbestimmung – auch und vor allem bei dieser letzten Entscheidung im Leben – nicht von allen geteilt wurde. Ungeklärt blieb die Frage: Wenn der Arzt nicht mehr der Heilende sein kann, wird er dann nicht vielleicht als Tötender zum Helfenden? Alle Beteiligten haben schnell gemerkt: Nicht umsonst sind solche Abstimmungen in den Parlamenten Gewissensentscheidungen ohne Bindung an einheitliche Fraktionspositionen. Einig hingegen waren sich alle, dass die Palliativmedizin und Hospizarbeit, also die Behandlung zum Erhalt von Lebensqualität bei einer unheilbaren Erkrankung und die Sterbebegleitung, unbedingt gestärkt werden müssen.

Doch es ging nicht nur um das Ende des Lebens, sondern auch um den Beginn: Viele Entwicklungen in der Pränatal- und Fortpflanzungsmedizin und das damit verbundene Wunschdenken der völligen Planbarkeit von Mensch und Leben kritisierte Frank Ulrich Montgomery scharf. Für seine streitbare Position erntete der Gastredner nicht nur Zustimmung. Grundsätzlich sprach er sich für ein Menschenbild aus, das mehr ist als die Summe der genetischen Informationen und das auch Defizite akzeptiert. Er warnte vor der Utopie einer grenzenlosen Medizin, die die Heilbarkeit aller Krankheiten verspricht. Seine Grundposition verdeutlichte er dann auch an einem kontrovers diskutierten Beispiel, das von einem Großteil der Teilnehmer ähnlich kritisch gesehen wurde: Dass ein ukrainischer Arzt einer 65-Jährigen zur Geburt von Vierlingen verhelfe und diese ihre Mutter dann nach dem Abitur wahrscheinlich im Pflegeheim besuchen könnten, sei mehr als nur ethisch fragwürdig. In Deutschland hätte sich der Arzt strafbar gemacht, betonte Montgomery.

Die unterschiedlichen Meinungen bei unserem Werkstattgespräch haben gezeigt: Das Thema stellt nicht nur an Parlamente, sondern an alle Beteiligten Gewissensfragen. Es bleibt aktuell und muss weiter diskutiert werden.

Ein Gedanke zu „Was darf Medizin? Was soll sie dürfen?

  1. Als klinisch und akademisch tätiger Arzt finde ich es gut, dass Montgomery in der Diskussion auch kritische Positionen bezieht. Vor allem die ethischen Besonderheiten und die Abgrenzung zum reinen Dienstverhältnis sind zwar der Politik ein Dorn im Auge, sind jedoch medizinisch extrem wichtig.

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