Von Anspruch und Wirklichkeit

Seit zwei Jahren gibt es in NRW den Rechtsanspruch auf schulische Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. Das klingt erstmal toll. Aber in der Umsetzung werden Lehrer, Eltern und Schüler vor Herausforderungen gestellt, denen sie ohne ausreichend Unterstützung – insbesondere auch von der Landespolitik – kaum gewachsen sind. Das führt zu Missverständnissen, Überforderung und leider manchmal auch dem Misserfolg einer gewünschten Entwicklung. Dass die rot-grüne Landesregierung bis heute keine qualitativen Standards festgelegt hat, an denen sich Schulträger orientieren könnte, ist ein grundlegender Fehler wie bedrückende Rückmeldungen aus Schulen zeigen. Eine erste Zwischenbilanz wollten die Bildungspolitikerinnen der die FDP-Landtagsfraktion, Yvonne Gebauer und Angela Freimuth bei einem Schulforum mit Experten ziehen. Rund 100 Gäste nahmen an der lebhaften, kontroversen, aber sehr konstruktiven Debatte über Anspruch und Wirklichkeit bei der Inklusion teil.

Als Experten gaben Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung, Uta Kröger, Vorsitzende der Landesgruppe Westfalen-Lippe der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik sowie Wilhelm Ellenbeck vom Förderverein der Georgschule Dortmund Einblick in das sensible Thema.

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Udo Beckmann

 

Beckmann stellte der rot-grünen Landesregierung ein schlechtes Zeugnis aus. Repräsentative Lehrerbefragungen zeigen, dass sich viele Lehrkräfte mit der Inklusion überfordert fühlen. Gründe dafür sind vielfältig. Unter anderem: unzureichende Vorbereitungszeit bei der Einführung der Inklusion, zu wenige Sozialpädagogen, unzureichende Fortbildungsangebote, fehlende Doppelbesetzung oder multi-professionelle Teams oder die Größe der Lerngruppe. Erschütternd: Mehr als die Hälfte der Lehrer sagen, dass an ihrer Schule, Lehrer, die inklusiv unterrichten, keine sonderpädagogischen Kenntnisse haben.

Mucksmäuschenstill wurde es als Uta Kröger das Wort ergriff. Als stellvertretende Schulleiterin einer Förderschule für Sprachheilpädagogik kann Kröger aus dem ungeschönten Alltag berichten. Von zu großen Lerngruppen, weil die Schüler-Lehrer-Relation verändert wurde. Von Kindern, die wegen mangelnder Diagnose einer Sprachentwicklungsstörung und dadurch fehlender Unterstützung irgendwann dem Unterricht an einer Regelschule nicht mehr folgen können – aber nicht wegen mangelnder Intelligenz. „Bei manchen kommt dann der 2. Förderschwerpunkt Lernen dazu.“ Wenn Inklusion zu weiteren Handicaps führt, ist das tragisch. Darunter leidet das einzelne Kind!

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Wilhelm Ellenbeck

 

Berührend auch der sehr persönliche Einblick, den Wilhelm Ellenbeck gewährt. Er ist Vater eines Kindes mit einer Lernbehinderung. Gemeinsamer Unterricht an der Regelschule wurde für das Kind eine Erfahrung der Ausgrenzung. Das Erleben des Andersseins. Das ist keine Schuldzuweisung, betont Ellenbeck mehrfach. Aber an der Förderschule blüht das Kind wieder auf. Es wird gelobt, erlebt wieder Erfolge durch andere Lernmethoden. Ein Einzelfall, keine pauschale Aussage, betont der Vater.

Überhaupt wird eines ganz deutlich: Das Wohl, die Bedürfnisse des einzelnen Kindes sind es, die darüber entscheiden sollten, wie es gefördert wird.

 

Etwa als der junge Mann aus dem Publikum aus seiner Schulzeit erzählt. Aus der Förderschule. Davon, dass im Sportunterricht alle ihre Hörgeräte ablegten. Oder davon, dass die Schule mit nur zehn Mitschülern gut für ihn war. Und man auch zusammen Geburtstag feierte.

Oder als der Pionier des gemeinsamen Unterrichts, der berichtet, wie vor 15 Jahren die ersten Down-Kinder nach geheimer Abstimmung im Kollegium aufgenommen wurden. Großer Erfolg. 4 von 5 haben es an der Gesamtschule geschafft. Für eines war der Weg zurück in den geschützten Raum besser. Die Lehrkräfte haben nach wenigen Jahren die Bedenken gegen die – damals noch als integrative Lerngruppen bezeichnete – Form des Unterrichts abgebaut.

Zeit scheint ein anderer wichtiger Faktor zu sein. Schulen, Lehrer müssen Inklusion lernen. Wie soll man den Unterricht gestalten, wenn man plötzlich ein Kind in der Klasse hat, das sonderpädagogischen Förderbedarf hat. Was wenn es mehrere Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf sind? Wo soll die Lehrkraft die Zeit für die doppelte, dreifache Vorbereitung hernehmen? Wann eine Fortbildung absolvieren, um sonderpädagogische Kenntnisse zu vertiefen?

Sonderpädagogen – ein Thema, das die Gemüter zum Kochen bringt. Woher sollen sie denn kommen? Wie viele werden denn gebraucht? Was ist mit multiprofessionellen Teams? Könnte man Integrationshelfer nicht zusätzlich schulen, damit sie Lehrkräfte unterstützen können?

Die vielen Fragen zeigen die Ratlosigkeit. Ja, es prallen auch Weltanschauungen aufeinander. Daran wird diese Debatte auch nichts ändern. Aber im Austausch miteinander kommen auch Themen, wo es Übereinstimmung gibt – und Lösungsansätze.

Muss Inklusion nicht früher anfangen? Und auch außerhalb des Unterrichts stattfinden? Bessere Teilhabe in der offenen Ganztagsschule wünscht sich jemand. Fahrtkosten wirft ein anderer ein. Keine zu langen Wege für die Kinder. Viel zustimmendes Nicken.

Fast zum Schluss kommen die jüngsten Teilnehmerinnen zu Wort. Zwei Schülervertreterinnen sitzen im Publikum, haben über zwei Stunden aufmerksam der Debatte, dem teils emotionalen Austausch von Argumenten gelauscht. Die Bedürfnisse des einzelnen Kindes müssen im Mittelpunkt stehen, sagen sie. Denn die Kinder dürfen bei der ganzen Diskussion nicht vergessen werden.

Ein Fazit des Abends: Inklusion braucht gute Rahmenbedingungen, um erfolgreich zu sein und jedes Kind bestmöglich zu fördern.

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Zwei Schülervertreterinnen mit den Abgeordneten Andreas Terhaag und Yvonne Gebauer nach der Veranstaltung

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