Gastbeitrag: Wissen über Wirtschaft vermitteln

Schüler, Eltern und Lehrer wünschen sich ökonomische Bildung als Fach in der Schule – Das hat auch Folgen für das Lehramtsstudium

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Dieser Tweet aus dem Jahr 2015 hatte die Debatte um mehr ökonomische und Verbraucherbildung in unseren Schulen beschleunigt und den Finger in eine seit Jahren klaffende Wunde gelegt. Dieser Hilferuf kam nicht von Wirtschafts- oder Arbeitgeberverbänden, sondern direkt aus der Herzkammer: von unseren Schülerinnen und Schülern. Ein Bildungsverständnis, das den Menschen in seiner Gesamtheit in den Mittelpunkt stellt, ist sinnvoll. Wir Freie Demokraten setzen dabei auch auf wirtschaftliche Grundkenntnisse des Alltags, um Schülerinnen und Schüler auf ihr zukünftiges Leben als mündige Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft vorzubereiten. Armut fällt nicht vom Himmel, das stimmt. Der beste Schutz gegen Armut ist eine vielseitige Schulbildung, die auf Lebenswirklichkeiten vorbereitet und junge Menschen befähigt, sich selbst zu verwirklichen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Im Jahr 2018 stufte die Wirtschaftsauskunftei Creditreform 1,58 Millionen Menschen unter 30 Jahren in Deutschland als überschuldet ein. Mit 18 Jahren dürfen sie Smartphones, Fernseher und Konsolen auf Pump kaufen, unkompliziert und direkt an der Ladenkasse. Welche Risiken und langfristigen Verpflichtungen dahinter stehen, merken sie oft erst, wenn es schon zu spät ist.

Ziel der NRW-Koalition aus CDU und FDP ist es, junge Menschen auf ein selbstbestimmtes und glückliches Leben vorzubereiten. Sie sollen sich in ihren vielen Rollen gut zurechtfinden und die nötigen Kompetenzen erwerben, um die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Gesellschaft verantwortungsbewusst mitzugestalten. Neben mündigen und kompetenten Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern wollen wir eben auch, dass junge Menschen ihre Rechte und Pflichten als Verbraucherinnen und Verbraucher kennen, Verkaufsstrategien in der Konsumgesellschaft durchschauen und Einflüsse von Werbung auf Kaufentscheidungen verstehen können – in der analogen und digitalen Welt.

Im Jahr 2014 endete der Schulversuch „Wirtschaft an Realschulen“– 75% der Lehrkräfte, 87% der Eltern und 72% der Schülerinnen und Schüler wünschten sich eine Fortsetzung des Schulfachs Wirtschaft. Allein die damalige rot-grüne Landesregierung überzeugten diese Zahlen nicht. Warum sie den Schulversuch trotz der überwältigenden Resonanz jäh eingestampft haben, bleibt bis heute ihr Geheimnis.

Zum Schuljahr 2019/20 und 2020/21 haben wir an den erfolgreichsten Schulversuch in der Geschichte des Landes angeknüpft und das Schulfach Wirtschaft in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 eingeführt. Damit erreichen wir alle Schülerinnen und Schüler aller Schulformen – auch die, die schon nach dem mittleren Abschluss in die Ausbildung starten. Zur Einführung des neuen Schulfaches haben wir die Stundenanzahl im Bereich der Geisteswissenschaften insgesamt erhöht. Es werden also keine Stundenanzahlen anderer Fächer gekürzt, sondern auch die wichtige politische Bildung wird nachhaltig gestärkt. Trotz der Umbenennung des Fachs erhalten wir den Dreiklang aus politischer, soziologischer und ökonomischer Bildung. Auch das Fach „Sozialwissenschaften“ in der Oberstufe bleibt unberührt.

Konsequenterweise zieht die neue Ausrichtung des Schulfachs auch eine Anpassung des zugehörigen Lehramtsstudiums mit sich. Denn schließlich ist es doch nur logisch, die Lehramtsstudierenden auf die neuen Inhalte und Lehrpläne vorzubereiten. Wir profilieren den Studiengang „Sozialwissenschaften“ daher neu und benennen ihn in „Wirtschaft-Politik“ um. Genau wie im Schulfach bleibt auch der Studiengang interdisziplinär und vereint politische, soziologische und ökonomische Bildung. Wer heute Sozialwissenschaften auf Lehramt studiert oder studiert hat, erfüllt alle Voraussetzungen, um auch das neue Schulfach „Wirtschaft-Politik“ zu unterrichten – verpflichtende Fortbildungen wird es nicht geben. Die Klarstellung des Schulministeriums wurde auch von der Lehrergewerkschaft GEW gelobt. Es gibt keinen Grund, dass sich Lehrkräfte und Lehramtsstudierende der Sozialwissenschaften um ihre Zukunft sorgen müssen. Die rein ideologisch  motivierte Kampagne von SPD und Grünen schürt unbegründete Angst.

Lassen Sie uns zur Sachdebatte zurückkehren und um die besten Lösungen ringen, wie wir gemeinsam dafür sorgen, unseren Schülerinnen und Schülern die besten Bildungschancen zu ermöglichen – ohne dass wir einzelne Fächer gegeneinander ausspielen.

Der Gastbeitrag ist zuerst am 29. Januar 2021 im Kölner Stadtanzeiger erschienen.

Zur Person:
Franziska Müller-Rech ist schulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion. Sie wurde 1985 in Bonn geboren und gehört seit 2017 dem Landtag an.

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